10 Dinge, Familie

10 Dinge über die erste Zeit mit Baby – Das Wochenbett macht Sinn

Ich las neulich, dass Paketzusteller in bestimmten Ecken Kreuzbergs aus Sicherheitsgründen nicht mehr ausliefern. Während meiner Wochenbettzeit hatte ich die Befürchtung, dass ich auch auf dieser schwarzen Liste stehen könnte. Uns wurde regelmäßig Zeugs für den Kleinen oder die Wohnung zugestellt, oder – da ich ja zu Hause war – Pakete für Nachbarn bei uns abgegeben. Anfangs bemühte ich mich noch, wie ein Mensch auszusehen, wenn ich die Tür öffnete. Bis ich an den Punkt kam, wo ich dachte: „Ach, was soll’s. Das kauft dir eh keiner mehr ab.“ Laut meinem Mann ähnelte ich in der Zeit optisch stark der verrückten Katzenfrau von den Simpsons, mit einer Frisur, die aussah, als wäre etwas auf meinem Kopf verendet. Ich würde gern sagen, dass er unrecht hatte. Wirklich. Da die Postboten aber immer vor 16 Uhr kamen, war ich natürlich prinzipiell noch im Schlafanzug. An guten Tagen (für den Postboten!) hatte ich bloß nach dem letzten Stillen vergessen, alles wieder fein säuberlich zu verpacken. An schlechten Tagen hing das Kind beim Türöffnen noch an meiner Brust. Ich kann mir richtig vorstellen, wie sie mit schweißnassen Händen und steigendem Puls die Treppen hochstapften, in ängstlicher Erwartung, welcher Anblick sich ihnen heute bieten würde. Vielleicht hatten sie sogar eine Whats App Gruppe gegründet, um sich untereinander warnen zu können: „Hey, hat heute schon jemand die verrückte Katzenfrau beliefert?“ – „Ja, Entwarnung, alles da, wo es sein sollte!“, oder „ALARMSTUFE ROT! Klingel nicht, ich wiederhole: NICHT an dieser Tür!!“ Vielleicht bin ich aber auch nur größenwahnsinnig, vielleicht war ich auch die langweiligste Person auf ihrer ganzen Route, schließlich sind wir hier in Berlin. 

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Jedenfalls muss ich wirklich sagen, dass es mir in dieser Zeit völlig gleichgültig war, was die netten Herren von mir dachten. Es ging nur ums Überleben, und alles andere war komplett egal. Eine Freundin von mir meinte über das Wochenbett, dass sie auf einem euphorischen Hormon-Trip und völlig berauscht gewesen sei, wodurch sie aber auch viel zu früh schon wieder viel zu viel rumgelaufen sei. Bei anderen hörte ich eher eine Menge Tränen heraus und ziemlich viel „What the f…??!“. 

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Ich habe mal nachgeschaut – im Duden steht: „Wochenbett, das; Zeitraum von 6 bis 8 Wochen nach der Entbindung, in dem es zur Rückbildung der durch Schwangerschaft und Geburt am weiblichen Körper hervorgerufenen Veränderungen kommt“. Was schlussfolgern wir daraus? Richtig: Der Autor war offensichtlich ein Mann. Nur so kann ich mir diese stark verkürzte und völlig unzureichende Definition jener Zeit erklären, die so viel mehr ist als die körperliche Erholung nach der Geburt. Der Körper hat in dieser Zeit ordentlich zutun, ja. Narben, Blutungen, Schmerzen, Instabilität in der Körpermitte, wunde Brustwarzen – dazu die Erschöpfung durch Schlafmangel und Dauereinsatz am Baby. Die Hormonüberschwemmung und -umstellung fallen mehr oder weniger heftig aus, jedenfalls tragen sie nicht zu einer emotionalen Stabilisierung bei. Denn das passiert auch, bei vielen Müttern, während der ersten Wochen nach der Geburt: Man ist emotional völlig aus der Spur. Im einen Moment weine ich vor Dankbarkeit und Glück, im anderen vor Frust und Erschöpfung. Unsicherheiten und Ängste (Atmet der Wurm noch? Versorgen wir ihn gut und richtig? Ist der Gelbstich zu gelb, ist der Nabelbruch gefährlich, sollten wir ihn vom Bauch zurück auf den Rücken rollen wegen diesem ominösen Plötzlichen Kindstod…??), Überforderung, wenn wir stundenlang alles probiert haben gegen die Bauchschmerzen, der Kleine aber trotzdem noch schreit, Frust, weil das Stillen einfach nicht richtig klappen will, ein schlechtes Gewissen (Hätte ich XY nicht essen dürfen und pupst er deshalb so viel? Wäre der Po nicht wund, wenn ich ihn etwas früher gewickelt hätte?) – und dazwischen immer wieder grenzenlose Liebe und unbeschreibliche Momente puren Glücks. Es ist überwältigend, und als Mama ist man in dieser Zeit körperlich und emotional extrem verletzlich. 

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Was man im Wochenbett also nicht braucht, sind laute, fremde Menschen in der Wohnung, Lärm, Gestank von übel riechendem Kleber, Staubwolken und eine Küche, die man wochenlang nicht benutzen kann. Merke: Auch wenn du denkst „Nur noch dieser eine Termin, dann ist es fertig“ – nein, es wird nicht fertig, wir sind hier schließlich in Berlin: Es gibt Absagen, Probleme, die wieder behoben werden müssen, Dinge, die falsch oder kaputt geliefert wurden, wochenlange Funkstille und Unerreichbarkeit. Die Berliner Handwerker können es sich anscheinend erlauben. Fazit: Auch wenn man noch 9 Monate Zeit hat – ab jetzt besser nix mehr planen, was verlässliche Handwerker erfordert!

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Was man im Wochenbett auch nicht braucht, ist zu früher oder zu langer Besuch. Mal abgesehen davon, dass ich erst nach frühestens zwei Wochen irgendwen einladen wollte und meine Mama bereits nach einer aushelfen musste, weil bei uns nix mehr ging, war ich selbst auch ambivalent – man will und braucht ganz viel Ruhe, will zu dritt noch etwas Zeit unter dieser Käseglocke verbringen, sich erholen, gegenseitig kennenlernen und die Welt einfach nur draußen lassen. Zumal die Zeit so schnell vorbeigeht und die Welt draußen schon früh genug wieder hereinkommt. Und dann ist man wiederum so glücklich und stolz und möchte diesen kleinen Wurm seinen Liebsten doch unbedingt vorstellen. Und auch gern die Unterstützungsangebote annehmen (dazu mehr nächste Woche) – je nachdem, wie schwierig die Geburt war, wie krass die Hormonumstellung danach ist, wie es körperlich geht und wie das Baby so drauf ist, natürlich mehr oder weniger. Also: Die engste Familie, die tatkräftig und emotional unterstützt und vor der man sich ohne BH und im Jogginganzug mit zwei tellergroßen Milchflatschen drauf nicht in Grund und Boden schämen muss: ja. Familie oder Freunde, die bedient werden wollen, vor denen dir dein Erscheinungsbild unangenehm ist oder die wenig Verständnis für diese sensible Phase haben („Verstehe ich nicht, wie man es nicht schaffen kann, zu duschen…“): nein.  

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Jeder sollte sich diese Zeit so gestalten, wie er oder sie es braucht, damit man die schönen und so wichtigen Momente im Wochenbett bestmöglich genießen kann: Ein behutsames Kennenlernen von Eltern und Baby, die Erholung von der Schwangerschaft und Geburt, so viel Haut an Haut kuscheln wie möglich (Vorsicht: macht extrem süchtig!), oder das Würmchen einfach nur stundenlang zu beobachten. Und der Versuch, zu begreifen, was für ein unfassbares Glück man im Arm hält.

 

Wie hast du die Zeit im Wochenbett empfunden? Würdest du im Nachhinein etwas anders machen? Ich freue mich über deinen Kommentar!

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