Familie

Mein Abstill-Tagebuch – Teil 2

30. Abend

Papa kommt triumphierend aus dem Schlafzimmer – endlich konnte er den Kleinen auch mal wieder in den Schlaf schaukeln. Wir haben zudem festgestellt, dass es leichter ist, wenn der Kleine nachmittags nicht allzu spät geschlafen hat und dementsprechend sehr müde ist. Dann fällt der müde Protest beim Abdocken, damit er ohne Brust im Mund einschläft, oder beim Schaukeln durch den Papa geringer aus.

31. Nacht

Nachdem ich im Zuge seiner Krankheit nachts wieder gestillt habe, wie der Kleine es brauchte, versuche ich die Mahlzeit um 1 nun erneut wegzulassen. Kann er nicht so ganz akzeptieren, obwohl ich ihm stattdessen die Flasche und den Schnuller anbiete und ihn eine gefühlte Ewigkeit versuche, wieder in den Schlaf zu schaukeln. Nach 1 Stunde gebe ich übermüdet auf und lege ihn an.

32.-38. Nacht

Wir sind total geschlaucht – ich stille nachts häufiger als je zuvor. Jeder Versuch, den Kleinen ohne Brust wieder hinzulegen, scheitert. Außerdem will er morgens immer bei mir im Bett weiterschlafen, wodurch ich aber selbst wach liege. Und der Papa muss jede Nacht raus, weil sich der Kleine wegen des vielen Trinkens einpinkelt und komplett umgezogen werden muss. Zum Glück habe ich gerade Urlaub, ich bin am Rande meiner Kräfte, da wir ja bisher auch keinen Kita-Platz bekommen haben. Dann höre ich noch von einem Freund, dass seine Frau ihm neulich überraschend mitgeteilt habe, dass sie innerhalb einer Woche den Sohn abgestillt hat. Bitte was?! Innerhalb einer Woche? Und da mein Bekannter dies nichtmal mitbekommen hat – anscheinend ohne großes Gebrüll?! Habe mir gleich mal die Nummer seiner Frau geben lassen, brauche Tipps vom Profi!

39. Nacht

Mein Urlaub ist vorbei und ich bin fest entschlossen, mir meinen Schlaf zurückzuholen und ihn nicht um eins anzulegen. Der Protest ist ordentlich, also stehe ich mit ihm nochmal auf und hole ihm seine Wasser-Pulle. Ist wahrscheinlich ungünstig, weil es Unruhe reinbringt, aber ich will sichergehen, dass er keinen Durst hat. Er nuckelt kurz dran und orientiert sich gleich wieder zur Brust. Theatralisch wirft er sich letztlich aufs Bett und lässt sich dann überraschend von mir den Rücken streicheln, bis er eingeschlafen ist. Leider weckt ihn der Versuch, ihn in sein Bettchen zurückzulegen, wieder auf. Aber auch dann dauert es nur nochmal ein paar Minuten. Insgesamt sind wir etwa eine halbe Stunde zugange. Schonmal eine halbe Stunde weniger als die letzten Nächte. Ich erinnere mich, dass er vor ein paar Monaten einmalig so eingeschlafen ist – da hat er sich selbst von der Brust abgedockt und auf den Bauch gedreht und ist unterm Rückenstreicheln eingeschlafen. Vielleicht schaffen wir das ja demnächst im Bettchen, ohne, dass ich ihn rausnehmen muss?

40. Nacht

Ich bin erkältet und zu kraftlos für nächtliche Kämpfe. Lege ihn nach 2 Minuten Meckern an, es herrscht schnell wieder Ruhe und ich habe dadurch eine halbwegs erholsame Nacht. Frage mich, ob er (oder ich?!) einfach noch nicht so weit ist und ich das Ganze nochmal aufschieben soll.

Ca. 4 Wochen später

Neben Arbeiten, Grippewelle und Betreuung des Kleinen habe ich es nicht mehr geschafft, regelmäßig Buch zu führen. Zumal ich nicht gedacht hätte, dass es sich so lange hinzieht und es nicht viel zu führen gab – zwei Nächte hat der Kleine nach dem Stillen um 11 rum überraschend bis halb 4 morgens durchgehalten, also 4,5 oder 5 Stunden. Warum – keine Ahnung. Ansonsten lief alles wie bisher – wir genießen das Stillen tagsüber und das Einschlafstillen, zumindest, wenn es nicht ewig lange dauert. Ich freue mich, wenn abends und nachts mal 3 Stunden zwischen den Mahlzeiten liegen. Häufig ist der Kleine aber unruhig und ich muss noch 2 oder 3 Mal rein, bevor ich selber ins Bett gehe. Und dann kamen Urlaub, Zeitumstellung und seine Backenzähne zusammen, und ich komme abends quasi gar nicht mehr von seinem Bettchen weg. Papa ist wieder komplett abgeschrieben, das Nuckeln an der Brust hilft als einziges bei dicken Backen und Schmerzen. Aber einen Abend traue ich mich im Urlaub trotzdem, mit meiner Schwester essen zu gehen – und der Papa schafft es, den Kleinen mehrfach (ein paar Stunden am Stück schlafen ist ja nicht drin) irgendwie zu beruhigen. Auch wenn es wohl länger dauert und ich daher froh bin, die Proteste nicht mitzubekommen. Da der Papa Ferien hat, war für nächste Woche eigentlich angedacht, dass er nachts den Dicken übernimmt. Notfalls mit Fläschchen mit zimmerwarmer Kuhmilch drin, denn das Telefonat mit der Bekannten hat ergeben, dass ihr Kleiner nachts auch noch eine Alternative zur Brust braucht. Wenn man allerdings nichts extra warm machen muss, hält sich der Aufwand ja auch in Grenzen. Bin mal gespannt, wie der Kleine das findet.

Nochmal zwei Wochen später

Ich war zum ersten Mal seit gefühlten 100 Jahren wieder tanzen! Whoop whoop! Mensch, tat das gut! Aber der Reihe nach: Wir haben den Kleinen ausgelagert, sein Bett steht jetzt im Kinder-/Gäste-/Arbeitszimmer. Die ersten zwei Nächte waren sehr unruhig, als müsste er sich stetig vergewissern, dass wir noch da sind. Milch aus der Flasche hat er natürlich nicht angenommen, also haben wir das schnell wieder gelassen. Obwohl er noch mit den Zähnen zutun hatte, ließ er sich aber trotzdem langsam wieder vom Papa beruhigen. Da habe ich meinen Mut zusammengenommen und bin tanzen gegangen. Noch einmal um 10 angelegt, und dann los. In Berlin ist ja nichts um die Ecke, und selbst mit Taxi brauchte ich eine halbe Stunde zurück. Ich habe immer wieder zwischendurch aufs Handy geschaut, ob ein „Notruf“ kommt. Aber der Papa konnte den Kleinen ein paar Mal beruhigen, und als ich zurückkam, schliefen beide selig. Da bekommt „Mutti on tour“ doch eine ganz neue Bedeutung 😉

Und dann, urplötzlich, zum ersten Mal in den letzten 15 Monaten, schläft er eines Nachts von kurz nach 9 bis kurz nach halb 4. Und letztes Mal gestillt habe ich um 8. Das sind grandiose 7,5 Stunden ohne Brust. Ich flipp aus! Und fühle mich so erholt wie seit 15 Monaten, ach was sag ich, 15 Jahren nicht mehr.

Die darauffolgende Nacht

Die Windel läuft aus und er muss gewickelt und umgezogen werden, vielleicht wäre es sonst wieder so gut gelaufen? Habe in einem – sicherlich total veralteten und überhaupt nicht gut recherchierten…- Buch gelesen, dass angeblich 90% (!) der Kinder bereits ab dem 5. Lebensmonat (!!) durchschlafen (mein Mann und ich haben drei Mal nachgelesen, ob von Lebensmonaten oder -jahren die Rede ist). Da stand aber auch, dass Flaschenkinder schneller durchschlafen, u.a. weil die Brust-Portionen kleiner sind. Ich find das fies, aber lirum larum, es ist, wie es ist. Jedenfalls scheint sich abzuzeichnen, dass wir zwei gute Entscheidungen getroffen haben:

1. Obwohl der Kleine eine zeitlang nur nach mir (bzw. der Brust) verlangt hat, im Urlaub trotzdem einfach mal auszugehen und den Papa machen zu lassen. Klappt ja seitdem auch wieder.
2. Den Kleinen in seinem eigenen Zimmer schlafen zu lassen. Ich wollte erst warten, bis das nächtliche Stillen weniger wird, um nicht drei bis vier Mal pro Nacht durch die ganze Wohnung tigern zu müssen. Aber es scheint so, dass die räumliche Trennung dazu beiträgt, dass der Kleine weniger aufwacht.

Zumal es für mich hilfreich ist, dass ich weiß: Er kann jetzt wirklich ohne. Dadurch fällt es mir leichter, Stillmahlzeiten wegzulassen und den Papa mehr mit einzuspannen. Ich habe auch einfach den Eindruck, dass er sich in den letzten ca. 10 Wochen, seit ich das Thema angehe, nochmal weiterentwickelt hat. Anfang des Jahres „brauchte“ der Kleine die Brust noch mehr – was auch immer, die Milch, die Nähe, das Nuckeln. Unsere Tagesmutter meinte da auch: „Vielleicht ist er einfach noch nicht so weit“. Jetzt, nur ein paar Wochen später, wirkt er auf mich schon viel weiter. Er ist immer mehr Kleinkind und immer weniger Baby, und ich bin froh, dass ich es nicht so forciert und mich mehr an seinem Tempo orientiert habe. Das Einschlafstillen haben wir bisher beibehalten, was ein schöner kuscheliger Tagesabschluss ist. Und dann stille ich meist nochmal um halb 11 rum und am frühen Morgen. Mein Ziel habe ich im Prinzip erreicht – wenn wir es drauf anlegen und er gerade nicht ganz schlimm zahnt oder fiebert, braucht er die Brust nachts nichts zwingend und der Papa kann trösten. Ich kann also ab und zu mal wieder 6 Stunden oder mehr am Stück schlafen, yeah! Und auch tagsüber gibt es nur noch selten die Brust, vor allem, wenn wir viel unterwegs sind und der Kleine abgelenkt ist.

Heute Vormittag allerdings, da haben wir uns nochmal zusammen hingelegt. Zwei Stunden lang war kuscheln, schlafen und nuckeln an der Brust angesagt, und danach dachte ich bei mir: Wenn das jetzt die letzten zwei Stunden meines Lebens gewesen wären, hätte ich sie genau so und kein bisschen anders verbringen wollen.

2 Erwähnungen in “Mein Abstill-Tagebuch – Teil 2

  1. Oh, da freue ich mich! Also, dass ich eine Leserin habe Und dass dir der Beitrag gefällt. Danke danke fürs Kompliment zum Schreibstil.

    Also, ich sag’s wie es ist: Hier läuft gerade alles aufs Stillen bis zur Pubertät hinaus. Es gab schonmal Nächte, wo ich den Dicken nur noch ein Mal angelegt habe. Die sind aber schon ewig her. Ich kann mich grad auch nicht erinnern, wann mein Mann ihn das letzte Mal nachts trösten konnte. Muss also auch schon ne Weile her sein.

    Damit der im Lehrer-Job halbwegs fit ist, haben wir das schrittweise Abstillen bisher auf die Ferien verschoben- und da war zuletzt immer was, Papa krank, Kind krank, Backenzähne.. Zuletzt habe ich im Sommerurlaub (Backenzähne & fremde Umgebung) sogar tagsüber wieder dauergestillt. Fing schon an vor dem Kleinen wegzulaufen, weil ich keine Lust mehr hatte.

    Das ist weniger geworden, nachts ist es aber immer noch/wieder 3-4 Mal mit morgendlichem Dauernuckeln und -kuscheln bei uns im Bett (dadurch fängt der Tag aber auch meist erst um 8 an und nicht wie bei manchen anderen schon um 6 oder so).

    Zuletzt wollten wir es zum Ende der Sommerferien angehen, davon hat mir die Stillberaterin des KH, in dem wir entbunden hatten, aber abgeraten, weil dann direkt die Kita-Eingewöhnung anstand. War ein guter Rat, ist eh schon ganz schön viel zu verarbeiten grad für den Kleinen und ein Auf und Ab.

    Es bleibt weiterhin so, dass ich es schön und anstrengend finde. Wenn alle gesund sind/mein Mann frei hat/Großeltern zur Unterstützung da sind/Arbeit ok ist geht’s ganz gut, wenn irgendwas davon nicht läuft wird’s anstrengend. Ich lege mich wenn möglich mittags mit dem Kleinen nochmal hin und versuche unnötige Anstrengungen einfach zu reduzieren.

    Mir hat das Telefonat mit der Stillberaterin gut getan – eigentlich ging’s mir um Tipps fürs Abstillen, aber sie hat es geschafft den Druck etwas rauszunehmen. Der kommt zum Teil auch von außen (Freunde, Familie) und ich versuche mich davon nicht mehr beeinflussen zu lassen. Zudem hat mich das Buch „artgerecht“ nochmal in meinem Gefühl bestärkt, nichts zu erzwingen (hallo, weltweite durchschnittliche Stilldauer: 4,5 Jahre!! Ist halt alles relativ ;)). Und ich denke mir immer wieder: Es geht hier noch um ein paar Wochen, höchstens Monate. Was ist das schon im Vergleich zum restlichen Leben? Genieße es!

    Trotzdem bleibt natürlich der fiese Schlafmangel und deshalb tüftel ich gerade an einem weiteren genialen Plan, wie wir das nächtliche Stillen wieder reduzieren und den Papa mehr mit einbinden können. Auch schrittweise, denn was anderes zieh ich eh nicht durch. Außer du schreibst mir nochmal, dass es bei dir von heute auf morgen geklappt hat, dann überleg ich mir das vielleicht nochmal Ich finde es toll, dass du so lange gestillt hast (es stillen ja nur wenige über das erste halbe Jahr hinaus!). Mir reichte es auch zum ersten Mal ums 1. LJ herum. Ich muss aber auch rückblickend sagen, dass der Dicke mit 1 Jahr noch mehr Baby war und jetzt wirklich ein Kleinkind ist – ich glaube schon, dass er das damals noch mehr brauchte als heute. Heißt aber nicht, dass es nicht auch ohne gehen kann und jedes Kind ist anders. Prüfe doch nochmal für dich deine Gründe (nicht für andere!) und probiert einfach mal was aus. Falls sich bei uns was tut, berichte ich auch gern nochmal!

  2. Wow! Danke für deinen Bericht.
    So ehrlich, mit dem ganzen auf und ab und wie lange sich das zieht *ohje*
    Und deinen Schreibstil finde ich auch hervorragend 🙂

    Mein Zwerg ist jetzt 12 Monate und ich überlege nachts abzustillen (er wacht zwischen vier und zehn mal pro Nacht auf), weiß aber nicht ob ich die Kraft habe dass so sanft und langatmig zu machen wie du, oder ob ich doch etwas radikaler vorgehe (also von einem Tag auf den nächsten ne 5-6 stündige Stillpause einführen).
    Ich vermute bei uns auch dass das schlafen im eigenen Zimmer dem Kiddo helfen würde länger am Stück zu schlafen, aber ich scheue das nächtliche ausgehen, auch wenn das dann vielleicht nur noch zwei mal ist…
    Bist du rückblickend zufrieden mit dem Weg den ihr gegangen seid? Wie läuft es inzwischen mit dem Schlafen und nächtlichen Stillen?

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