Familie

Bewegung, Mama!

Ich fasse es nicht. Neben mir, am Nachbartisch, sitzt ein kleines Mädchen in ihrem Buggy, während die Eltern entspannt ihren Kaffee trinken und Kirschkuchen mümmeln. Das Mädchen, es sitzt. Seit nunmehr einer halben Stunde. Schaut sich um, singt, wippt vergnügt mit den Füßen, spielt mit ungefährlichen Utensilien. Wahrscheinlich kommt gleich einer zu mir rüber um zu fragen, was ich für ein Problem habe, so offensichtlich starre ich die Familie an. Mit wachsender Fassungslosigkeit, je länger ich das friedliche Treiben beobachte.

Diese Momente habe ich immer mal wieder – vor ein paar Monaten wollte ich nur schnell die Blumen auf dem Balkon gießen, und eine halbe Stunde später kam mein Mann raus um sicherzugehen, dass ich nicht gerade einen Schlaganfall hatte. Ich stand 30 Minuten wie angewurzelt und mit offenem Mund da, während ich einen Vater mit seiner kleinen Tochter beobachtete, etwa im selben Alter wie der Dicke. Dieser Vater stand dort unten lässig auf dem Gehweg und konnte sich in Ruhe mit einem Bekannten unterhalten. Während sich das Mädchen still und leise mit sich selbst beschäftigte – sich im Kreis drehte, ihre Hände betrachtete, sang. Ich wartete und wartete. Darauf, dass es plötzlich am Vater hochspringen und sich an seinem Bein festkrallen würde, dass es ohne Vorwarnung Richtung Straße lospreschen würde, wo gerade ein Auto angerast kam, oder dass es zumindest um Aufmerksamkeit buhlend am T-Shirt des Vaters ziehen und 100 Mal „Papa“ sagen würde, sodass das Gespräch wenigstens kurz ins Stocken geriet. Ich wartete. Aber nichts passierte. Irgendwann ging ich wieder rein und fühlte mich falsch auf diesem Planeten. Oder waren es die anderen, die falsch waren?

Meinem Mann geht es zum Glück ähnlich – neulich sahen wir eine Fernsehsendung, wo jemand einer Jury seine einfallsreiche Kinderstuhl-Erfindung präsentierte, während er seinen kleinen Neffen auf dem Arm hielt. Er erzählte und führte vor, und der Kleine machte alles friedlich mit. „Haben die das Kind vorher sediert?!“, knurrte mein Mann, und ich war erleichtert zu wissen, dass wir denselben Gedanken hatten. Wäre dies unsere Präsentation und unser Sohn gewesen, die Jury hätte am Ende nichtmal gewusst, was wir eigentlich hatten vorstellen wollen. Wir wären schlichtweg nicht dazu gekommen. Wir wären dem Dicken nonstop hinterhergelaufen, hätten den Versicherungsfall für den umgeworfenen teuren Scheinwerfer klären und gleichzeitig dem Kind die Glasscherben aus den Händen reißen müssen, bevor es mit dem Gesicht auf eine (die einzige weit und breit!) spitze Kante mit rostigem Nagel gefallen wäre, haarscharf am Verlust des Augenlichts vorbei. Wir wären in Schweiß gebadet, die anderen belustigt/mitleidig/dezent genervt, und alle Anwesenden hätten sich gefragt, warum wir eigentlich da waren, während der Krankenwagen das halbblinde Kind abtransportierte.

Auch mit meiner Hausärztin stehe ich seit kurzem auf Kriegsfuß. Die Kita hatte wegen Brückentagen geschlossen, ich musste mit Kind und Brustentzündung zur Sprechstunde. In weiser Voraussicht bot ich gleich an, nochmal mit ihm spazieren zu gehen, ich wurde jedoch gebeten, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Da es überall nur offene Türen gab und wir über eine Stunde warten mussten, verbrachten wir dort natürlich nicht viel Zeit. Eine ältere Dame erfreute sich am Forscherdrang des Dicken, und ihre Einschätzung vom Dicken als „intensives Kind“ war ja noch sehr diplomatisch. Von der Ärztin hingegen erntete ich statt einem Lob, dass ich ihn trotz meiner Schmerzen über eine Stunde lang erfolgreich von Feuerlöschern/zufallenden fingerspitzenkappenden Türen/offenen Fenstern/teuren medizinischen Geräten/ungesicherten Steckdosen ferngehalten hatte, im Verlauf drei Ermahnungen und im Sprechzimmer am Ende noch einen blöden Spruch. Himmel nochmal, selbst Chuck Norris hätte mir für diese Leistung anerkennend auf die Schulter geklopft! Ich bekam ein Rezept, aber wir gingen nicht gerade als Freundinnen auseinander.

Die Familie am Nachbartisch ist eben aufgestanden und gegangen. Ohne Zwischenfälle, ganz entspannt. Ich möchte noch ein zweites Kind, wirklich. Aber wenn das vom Temperament nochmal so wird wie der Dicke, dann wandere ich aus. Vielleicht in ein Land, in dem es keine offenen Fenster gibt. Oder Feuerlöscher.

 

Wie ist das bei deinem Kind? Eher Variante muskulär tiefenentspannt oder Duracell? Schreibe gern im Kommentar über deine Erfahrungen!

10 Erwähnungen in “Bewegung, Mama!

  1. Ist bei uns auch so. Morgens gleich mal 3-4 km laufen un auf ein durchschnittliches Energielevel zu kommen. Viel draußen unterwegs und Situationen meiden, in denen „Ruhe“ gefordert wird

  2. So geil geschrieben! Bei uns hier ist es auch eindeutig Variante Duracell. Bin auch immer total fasziniert, oder geschockt, wie lange andere Kinder still sitzen können. Versuche mir in so „Kaffeemomenten“ immer vorzustellen dass ich in 10 Jahren das kooperativste Pupertier der Welt habe und die Mütter der „braven Stillsitzermädchen“ ungewollt Oma werden.

  3. wie immer großartig geschrieben!..1.Das sind manchmal wirklich die Unterschiede zwischen Mädels und Jungs. 2. Jungs sind meist in der Anfangszeit viel wilder..aber in der Pubertät sind meist die Mädels anstrengender und die Jungs entspannter. Also kannst du hoffenund das 2.Kind ist sowieso meist anders.

    1. @Norma: Ja, das habe ich auch beschlossen, dass das zweite ruhiger wird 😛 Und wenn der Dicke dann in der Pubertät nur noch im Zimmer abhängt und Computer spielt statt mit bösen Jungs nachts um die Häuser zu ziehen, freu ich mich bestimmt, dass ich mir keine Sorgen um mein kleines Mädchen machen muss. Bis dahin sind’s nur leider noch 11 Jahre 😀

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