Familie

Und täglich grüßt das Kita-Tier

Ich hasse es, meinen Sohn von der Kita abzuholen. Fürs Protokoll: Ich hasse nicht meinen Sohn, und ich hasse es auch nicht, mit ihm zusammen zu sein. Ich hasse es, ihn VON DER KITA ABZUHOLEN. Meine Abneigung dagegen bewegt sich etwa in denselben Sphären wie die Steuererklärung machen oder kochen. Da krieg ich richtig schlechte Laune. Selbst wenn ich hochmotiviert anfange: Wenn nach 20 Minuten mein Mann zur Küchentür reinkommt, macht er sofort auf dem Absatz wieder kehrt, so schnell kann man gar nicht gucken. An meinem Gesicht erkennt er schon: Ich sage jetzt besser nichts. Und morgen gibt es wieder Fertiglasagne.

Wer also denkt, im Hochsommer 7 Stunden im altersschwachen IC mit ausgefallener Klimaanlage rumzujuckeln sei anstrengend, der hat noch nie ein zweijähriges Kind von der Kita abgeholt. Die Kita an sich ist nicht das Problem. Das Hinbringen klappt ja meist ganz gut. Klar gibt es auch Tage, wo der Kleine null Bock hat, aber das sind eher die Ausnahmen. Die Regel ist jedoch: Eine gut gelaunte Mutti geht in die Kita rein, und ein nervliches, in Schweiß gebadetes Wrack kommt wieder raus. Was hat sich in den 30-45 Minuten dazwischen zugetragen? (Ja, 30-45 Minuten. Jedes Mal. Das ist wie alles mit Kind – „mal eben“ funktioniert NIE WIEDER, ab der Geburt existiert „mal eben“ im Wortschatz von Menschen mit Kindern schlichtweg nicht mehr).

Mein Stresslevel beginnt schon beim Gedanken ans wieder Abholen zu steigen, also bereits bei der Abgabe morgens – besser gesagt, schon am Vorabend… ach was: Wenn am Freitag das Wochenende eingeläutet wird, krieg ich beim Gedanken ans Abholen nächste Woche Montag schon hohen Blutdruck. Ich gehe also, wenn man sich die Anspannung auf einer Skala von 0-10 vorstellt, am jeweiligen Nachmittag schon mit einer soliden 3 los (nachdem mich mein Mann mehrmals aufgefordert hat, endlich unser Kind abzuholen, und ich noch frage, während er mich mit aller Kraft aus der Haustür schiebt, ob ich vorher nicht nochmal ganz kurz…?!), stromere noch so lange wie irgend möglich und im ultimativen Schneckentempo durch die Nachbarschaft (Oooh! Eine leere Kaugummi-Packung! Wie spannend!), bis ich am Ende vor der Kita stehe und alle erdenklichen Atementspannungsübungen einsetze, um die Stärke zu finden, diese Tür (ergo: das Tor zur Hölle) zu öffnen und einzutreten.

Manchmal habe ich dann einen Blackout. Dann stehe ich irgendwann wieder mit meinem Sohn auf der Straße und kann mich nicht daran erinnern, wie wir da hingekommen sind. Dank meines Berufes weiß ich, dass das eine Schutzreaktion der Seele ist. Sowas ähnliches passiert mir auch manchmal, wenn ich nicht schnell genug Mario Barth oder Frauentausch wegschalte. Oder wenn ich mit der U7 fahre. Eben noch am Hermannplatz und ZACK, stehe ich auf einmal in meiner Wohnung. An anderen Tagen erlebe ich das Eintreten in die Kita noch wie durch einen Schleier mit. Wie bei so einem Hollywood-Katastrophenfilm, wo die Hauptfigur nach dem Flugzeugabsturz durch die Gegend humpelt, alle Geräusche nur gedämpft hört außer einem lauten Piepen im Ohr und das Elend drumherum in Zeitlupe wahrnimmt.

Meistens bin ich aber leider bei vollem Bewusstsein, wenn ich das Kind abhole. Ich komme also im 1. Stock an, Stresslevel etwa bei 4. Entkleide mich in der Garderobe so weit wie möglich, da es wie immer 40 Grad in den Räumen sind und ich weiß, das wird eine längere Geschichte. Zudem gibt es sogar Studien dazu, dass mit steigenden Außentemperaturen auch die Aggressionen und die Kriminalitätsraten zunehmen. Ich will nicht kriminell werden, vor allem nicht hier, schließlich finden wir in diesem Leben in Berlin definitiv keinen anderen Kitaplatz mehr – also Jacke, Schal, Mütze, alles aus. Das Wiedersehen ist dann auch sehr freudig mit in die Arme werfen und kurzem Drücker. Als nächstes will mir der Kleine erstmal alles zeigen, womit er gerade gespielt hat, und dann nochmal alles, womit er davor, also den Tag über, also 7 Stunden lang, gespielt hat, und dann nochmal alles, womit er jemals in Zukunft irgendwann einmal spielen könnte. Das kann ich verstehen und zeige echtes Interesse, schließlich verbringt er viel Zeit hier, da freue ich mich, etwas an seinem Tag teilzuhaben.

Wenn es in den Flur vor der Garderobe geht, wird dieser dann zum ausgiebigen Toben genutzt. Ich versuche da entspannt zu bleiben und es als ein positives Zeichen zu sehen – er fühlt sich wohl hier, deshalb fällt der Abschied schwer! Die ersten anderen Eltern kommen und gehen, ziehen ihre Kinder an und verlassen mit ihnen die Kita, während der Kleine zum 10. Mal strahlend um die Säulen rennt. Ich lehne betont lässig an der Wand, mit einem Gesichtsausdruck, der sagt „Nein nein, ihr seht das völlig falsch, nicht das KIND entscheidet, wann wir gehen, ICH entscheide das. Ich habe die Situation TOTAL unter Kontrolle, ich WILL einfach noch nicht nach Hause, weil er doch gerade so schön spielt!“ Bei gefühlten 42 Grad Innentemperatur merke ich gleichzeitig, wie mein rechtes Auge langsam anfängt zu zucken, und nur mit viel Ablenkung, Überredungskünsten, In-Aussicht-Stellungen („unten steht dein Dreirad!“) und mit sanftem Druck schaffen wir es schließlich, in der Garderobe anzukommen.

Da werden erstmal alle anderen Schuhe, Jacken und Rucksäcke inspiziert, sich anziehen lassen ist blöd, beim selber Anziehen klappt die Reihenfolge nicht („erst die Matschhose, dann die Gummistiefel!“), der Versuch, ihm zu helfen, endet in einem mittelschweren Nervenzusammenbruch seinerseits. Stresslevel: 9. Ich frage mich, wer zum Teufel die Temperatur auf 45 Grad gestellt hat, sollen die Kinder hier gegrillt werden?! Ist das Taktik, damit sie bei drückender Hitze nur noch lethargisch in der Ecke hängen und die Beaufsichtigung dadurch leichter wird? Jedenfalls entledige ich mich nochmals allem, dessen ich mich entledigen kann, ohne die Erregung öffentlichen Ärgernisses zu riskieren und ziehe in Erwägung, nächstes Mal einen Bikini drunter zu ziehen, zur Erweiterung der Entkleidungs-Optionen. Ich schwitze wie ein Schwein und merke, dass meine Nerven dünn wie Zahnseide sind, als das 11. Kind, deren Eltern nach mir gekommen sind, vor uns die Kita verlässt. In dem Moment, wo ich ausspreche „Dann bleibst du eben alleine hier“, fühle ich mich auch schon wie die Verliererin einer seeehr langen und anstrengenden Schlacht, denn sowohl mein Sohn als auch ich wissen, dass ich das nicht durchziehe, und ich weiß dazu auch noch, dass Eltern nur Konsequenzen androhen sollen, die sie auch bereit sind umzusetzen, und dass es deshalb komplett bescheuert von mir ist, sowas zu sagen. Aber ein ganz kleiner, ein winziger Teil von mir will dieses Kind in dem Moment wirklich hier lassen, einfach rausspazieren, sich in ein Café in die Sonne setzen und darauf vertrauen, dass der Papa es schon irgendwann abholen wird, wenn er abends feststellt, dass es so verdächtig ruhig ist in der Wohnung.

Dann kommt der Moment, wo ich das tue, was ich auf keinen Fall tun wollte (Prinzipien sind was für VW-Ingenieure! Oder kinderlose Menschen! Was ja quasi dasselbe sein muss!): Ich ziehe ihm gegen seinen Willen die Stiefel an. Die Reaktion: wütendes Protestgeheul. Ein Film seiner Zukunft läuft vor meinem inneren Auge ab: Ein junger Erwachsener ohne Selbstwertgefühl, der willenlos alles mit sich machen lässt, weil er nie gelernt hat, dass seine Bedürfnisse und persönlichen Grenzen respektiert werden. Zwanzig Sekunden später flitzt der Dicke gut gelaunt davon und wirkt dabei psychisch ziemlich stabil. Im Gegensatz zur Mutter. Die sich fragt: Wieso habe ich nicht schon vor 30 Minuten die Stiefel selbst angezogen?! Und dann: Wo ist mein Sohn?! Jeder, der schonmal sein Kind aus den Augen verloren hat, kennt den Moment der Erkenntnis, wo man innerhalb einer Millisekunde einen heftigen Adrenalinstoß verspürt. Einen Zweijährigen in einem Haus voller Treppen aus den Augen zu verlieren, steht auf meiner Stressskala ziemlich weit oben. Wenn die vorher noch nicht am absoluten Anschlag war, dann spätestens ab hier. Mein Mann würde jetzt wieder Helikopter-Geräusche machen, aber der ist ja als Kind auch keine Kellertreppe aus Stein runtergeklatscht.

Und dann, kurze Zeit später: Der Moment, wo ich mit meinem Sohn vor der Kita stehe. Ungläubig in die Sonne blinzel (oder was noch von ihr übrig ist). Ein angenehm kühler Wind streicht über meine Haut, die Vögel zwitschern, und mein Sohn quäkt ungeduldig: „Maaaaamaaaa, kooooomm!“

6 Erwähnungen in “Und täglich grüßt das Kita-Tier

  1. Ahahaa meine liebe, da hast du mich wirklich zum lachen gebracht und Humor ist das einzige womit auch ich das abholen manchmal überstehe 🙂

  2. Mir geht es genauso. Nur das ich noch nicht mal begrüßt werde, sondern nur ein „Neeeein“ entgegen gerufen bekomme und das Kind mit Kita Laufrad an mir vorbei fährt. Bestechung ist das einzige was hilft

  3. Genau. So. Bei uns nur manchmal noch mit Geheule den ganzen Heimweg entlang, auf dem ich das Kind dann vor allem tragen darf. Die Schweißausbrüche hören bei mir also erst auf, wenn ich die Wohnungstür hinter mir zugemacht habe.

    Sehr gut geschrieben!

    1. Danke dir! Oh Mann, ich hoffe, ihr wohnt neben der Kita XD Klingt anstrengend mit dem Tragen! Das gibt’s bei uns dank Laufrad oder Dreirad meist nicht, die sind dann spannender als Mamas Arm.

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