Interviews

INTERVIEW: „Es ist unfassbar, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein“

Als ich 15 war, habe ich zu oft die Schule geschwänzt und definitiv zu viel gefeiert. Marian Grau ist mit seinen 15 Jahren der jüngste Reiseblogger Deutschlands und hat bereits sein eigenes Buch geschrieben. Ein bisschen rumgekommen ist er dabei auch – 31 Länder hat er mal eben bereist. Obendrein beeindruckt er mich mit seiner verdammt reifen und positiven Lebenseinstellung. Welcher 15-jährige weiß schon, was wirklich wichtig im Leben ist? Das liegt vor allem daran, was Marian alles mit seinem Bruder Marlon erlebt hat. Und da er mit seiner Geschichte so viele Menschen zutiefst berührt, freue ich mich wie Bolle darüber, dass er neben all den Interviews und TV-Auftritten, die gerade bei ihm anstehen, noch Zeit für meine Fragen gefunden hat:

Lieber Marian, stell dich doch kurz einmal vor.

Ich bin Marian, Schüler eines Gymnasiums, und mit 15 Jahren wohl Deutschlands jüngster Reiseblogger. Ich lebe allein mit meiner Mutter in einem Einfamilienhaus in der Nähe von Stuttgart. Und nein, ich bin kein Einzelkind. Mein Bruder Marlon ist nunmal besonders. Das war er schon immer. Am 21.März 2012 ist er gestorben, da war ich neun. Für mich zweifelsohne der schlimmste Tag in meinem Leben.
Das Reisen war Mamas Idee. Sie wollte mir die Welt zeigen und hat mich mit unserer ersten Reise nach Kambodscha ordentlich auf den Geschmack gebracht. Seit 2013 reise ich nun durch die Welt – und Marlon ist stets im Herzen mit dabei.
Über mein Leben mit ihm, unseren besonderen Alltag, die Reisen heute und wie er heute – nach seinem Tod – präsenter denn je ist, habe ich nun auch ein Buch geschrieben.

Kannst Du kurz beschreiben, an welche Krankheit dein Bruder litt?

Morbus Leigh ist eine Stoffwechselkrankheit, die durch einen Gendefekt der Eltern ausgelöst wird und gegen die es kein Heilmittel gibt. Die Chance, dass zwei Menschen mit denselben defekten Genen aufeinander trifft, ist verdammt niedrig – doch sie existiert. Wenn das passiert, stehen die Chancen noch 1 zu 3. Nur ein Viertel dieser Kinder wird also krank geboren.
Marlon war nicht imstande, Nahrung in Energie umzuwandeln, die Ärzte gaben ihm zwei Jahre zu leben. Er konnte nie sprechen, laufen oder vernünftig essen, wurde über eine Magensonde mit Flüssignahrung ernährt.

Morbus Leigh ist eine Erbkrankheit. Hatten deine Eltern Angst, dass du auch betroffen sein könntest?

Ja. Weil ich denselben Papa und dieselbe Mutter habe, standen auch für mich die Chancen 1 zu 3. Meine Eltern ließen ein kleines Stück meines Mutterkuchens in den Niederlanden untersuchen. Dort wurde festgestellt, dass ich wohl kerngesund auf die Welt kommen würde. Pures Glück, das Marlon nicht hatte. Unfair, was?

© Marian Grau

In Folge der Komplikationen durch die Krankheit, z.B. Atemregulationsstörungen, ist es vermutlich immer wieder zu kritischen Situationen gekommen. Wie geht man mit dieser ständigen Anspannung um, dass dem Bruder bzw. dem Sohn etwas passieren kann?

Häufig waren vor allem Krampfanfälle. Das war für mich das Schlimmste. Nicht die Anfälle an sich, sondern zu sehen, dass das nicht mein glücklicher und sonst so aufgeregter Bruder war.
Außerdem war dieses Gefühl, das mit ansehen zu müssen (Krampfanfälle lassen sich nicht lindern, man kann nichts dagegen tun), verdammt scheiße.
Einmal, als Mama völlig verzweifelt war, konnte ich Marlon helfen. Ich habe Mama auf die Couch geschickt, mich zu ihm ins Bett gelegt und seine Hand gehalten, ihm über das Haar gestrichen und eine ausgedachte Geschichte erzählt.
Plötzlich war der Krampf wie ein böser Traum verflogen und ich hatte meinen Bruder zurück. Das ist eine der Anekdoten aus unserer gemeinsamen Zeit, die auch im Buch vorkommt.

Hattet ihr jemals die Hoffnung, dass es Marlon einmal besser gehen wird? Falls nicht, wie habt ihr es geschafft, mit der Gewissheit zu leben, dass er irgendwann von euch gehen wird?

Ich denke, zu sagen, dass wir keine Hoffnung hatten, wäre falsch. Aber als Marlon die Lebenserwartung von zwei Jahren überstieg und immer älter wurde, war klar, dass es irgendwann soweit sein würde. Dass der eine Sohn meiner Eltern vor ihnen sterben wird.
Aber es ist wie mit allem im Leben: Irgendwann gewöhnt man sich an alles. An jede noch so beschissene Krankheit, jede Einschränkung, die mein Bruder wegen ihr hatte. Und irgendwann – so blöd das jetzt klingen mag – ist es okay. Dann ist es sogar gut so, wie es ist. Wir dachten selten an den Tod, waren vielmehr für jeden guten Tag, jedes Lachen, glücklich. Und so haben meine Eltern, mein Bruder und ich es geschafft, aus einer vollkommen ausweglosen Situation das Beste zu machen. Marlon hat meine Kindheit geprägt, das ist klar. Er hat mich aber nicht im Regen stehen lassen, sondern dafür gesorgt, dass meine Kindheit eine ganz besondere war. “Was war das doch für eine schöne Zeit”, sage wir immer, wenn wir uns an Marlon erinnern. Und das nach all dem, was passiert ist, zu sagen, macht mich furchtbar stolz. Das hat Familie Grau gut gemacht. Und ich glaube auch, dass Marlon seine Zeit hier sehr genossen hat. Schließlich hat er die Lebenserwartung der Ärzte mal eben versechsfacht: für uns das schönste Zeichen, dass wir unsere Aufgabe gut gemeistert haben.

© Marian Grau

Morbus Leigh ist eine sehr seltene Erbkrankheit, die fieserweise erst nach einer normalen Entwicklung eintritt, wo man als Eltern vermutlich nicht mehr mit solchen Komplikationen rechnet. Die Gedanken: Das ist doch verdammt ungerecht! Warum ausgerechnet wir/mein Bruder? müssen euch vermutlich häufiger gekommen sein, oder? Wie seid ihr damit umgegangen?

Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Unendlich darüber nachzudenken bringt nichts. Gut, Tränen vielleicht – aber auf keinen Fall die richtige Antwort. Alles was man tun kann, ist seine ganz eigene Lösung, seine Antwort darauf zu finden.

Ein Satz auf deiner Seite www.geomarian.de treibt mir jedes Mal Tränen in die Augen: „Und das ist auch immer das, was mich tröstet: Er war hier, um uns alle zu dem zu machen, was wir jetzt sind – und er ist immer noch hier.“

Da hast Du meine ganz persönliche Antwort auf diese Warum-Frage herausgefunden. 🙂

Mich beeindruckt zutiefst, wie du mit dem Verlust deines Bruders umgehst. Dass du dem Ganzen einen Sinn geben kannst, wo andere vielleicht verzweifeln würden. In welcher Hinsicht denkst du, hat dein Bruder dich und deine Sicht auf die Welt geprägt?

Marlon hat meiner Familie und mir gezeigt, worauf es im Leben ankommt. Es ist unfassbar, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein. Eigentlich braucht man dafür nicht mal Laufen zu können. Und wir meckern rum, wenn der Internetempfang mal wieder schlecht oder die Preise im Supermarkt mal wieder zu hoch sind…

Warum hat dich nach dem Tod deines Bruders ein solches Reisefieber gepackt? War das Reisen eine Art Therapie für dich?

Ganz bestimmt. Vielleicht haben mich die Abenteuer unterwegs auch ein wenig abgelenkt. Ich würde aber nicht sagen, dass ich durch die Reisen “geflüchtet” bin.

© Marian Grau

Deine Mutter war immer dabei – hat sie bei allem mitgemacht oder irgendein Reiseziel verboten, wo du gern hin wolltest? Und hat das gemeinsame Reisen auch eure Beziehung verändert?

Unsere Beziehung war schon immer sehr gut, durch die Reisen wurde sie aber sicher nochmal gestärkt. Hab dich lieb, Mama!
Mama lässt sich für viele Reiseziele begeistern, lediglich Vorderasien (wo ich schon immer mal hin möchte!) scheint ihr nicht so zu gefallen. Ich weiß gar nicht warum sie nicht möchte, dass wir nach Georgien, Aserbaidschan, Kirgistan und Co reisen und bin mir sicher, dass sie einfach nur keine Ahnung hat, wie schön es dort ist! 😉

Der Papa durfte nicht mit?

Der Papa reist auch! Meine Eltern leben schon seit 2005 getrennt, sind aber (wahrscheinlich durch meinen Bruder) noch heute wie beste Freunde. Mit Papa verreise ich in der Regel ebenfalls mindestens einmal im Jahr. Dann aber eher etwas Entspannteres, auf`s Kreuzfahrtschiff oder so.

31 Länder – auf die Zahl kommen andere in ihrem ganzen Leben nicht. Was gefällt dir besonders am Reisen?

Ich liebe Herausforderungen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob ich sie meistern kann oder daran scheitere. Denn eines ist gewiss: Sie prägen und man lernt von ihnen.
Außerdem liebe ich das, was völlig ungeplant passiert: Sei es eine schöne Begegnung mit den Menschen dort, ein toller Tempel um die Ecke oder ein Tier, das es sonst nur im Zoo zu bestaunen gibt.

© Marian Grau

Auf inspiriermich stelle ich bald die inspirierendsten Reiseziele vor. Die einen nicht mehr loslassen. Wo man unbedingt nochmal hin will. Die unseren Blick auf die Welt verändert haben. Wo fandest du es besonders inspirierend?

Beeindruckt war ich von Bolivien, einem Land, von dem man hier in Deutschland gar nicht so viel Wind bekommt. Doch das, was dieses Land da leistet, ist wirklich beachtenswert. Denn das Land besteckt aus Tausenden von kleinen Völkern und Stämmen, es gibt keine Amtssprache, weil es schlichtweg zu viele gibt. 60% der gesamten Bevölkerung lebt abgeschieden von der Zivilisation, viele Menschen haben auch noch nicht einmal einen Fuß in eine Großstadt wie La Paz gelegt. Die Regierung ist nun drauf und dran, dieses Volk zusammenzubringen. Wer sich beispielsweise die Straßenschilder in La Paz ansieht, wird schnell bemerken, dass da etwas anders ist: Die sind nämlich riesengroß. Kein Wunder! Denn alle Ortsnamen sind in vier, manchmal auch fünf andere Sprachen übersetzt. Sieht komisch aus, fand ich aber ganz toll! Die Einwohner Boliviens geben wirklich alles, damit aus Tausenden Völkern eine tolle Nation wird. Fand ich persönlich sehr schön und inspirierend.

Seit wann bloggst du und wie bist du darauf gekommen?

Ich blogge seit Mai 2016 auf meinem Blog GeoMarian. Meine Ziel ist es, Menschen auf meine Reisen mit zu nehmen. Den Menschen da draußen Lust auf mehr zu machen und ihnen vielleicht auch noch den ein oder anderen Insidertipp zu verraten. Die Idee mit dem Blog entstand völlig zufällig, da war nichts geplant. Ich beobachte immer wieder, wie Menschen monatelang an ihrem Blog werkeln, ehe sie damit online gehen. Bei mir ging das in zwei Minuten… hehe. Learning by doing!

Und wie war es, dein erstes eigenes Buch zu schreiben?

Schon total krass. Es war eine riesengroße Aufgabe für mich, aber ich hatte so verdammt viel Spaß dabei. Ich hatte das Glück, eine sehr nette Lektorin bekommen zu haben, mit der die Zusammenarbeit viel Spaß gemacht hat. Das Schreiben selbst fiel mir manchmal sehr leicht, an anderen Tagen aber auch echt schwer. Manchmal schaltete ich den Rechner an, tippte ein paar Sätze und dachte mir: „Marian, lass das heute lieber. Das wird nix.“ – und dann habe ich es gelassen. Es gab auch Kapitel, die ich Probe gelesen und bei denen ich einfach mal geheult habe. Das ist ja kein erfundener Roman, das ist meine Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.