10 Dinge

10 Dinge – Freundschaften werden auseinandergehen

Liebe Freundin,

kann ich dich überhaupt noch so nennen? Früher, da waren wir befreundet. Sehr eng sogar, für mehr als zehn Jahre. Und heute? Da spielen wir keine Rolle mehr im Leben des anderen. Das ist nicht unsere erste Funkstille, wenn auch die längste. In den letzten Jahren gab es schon zwei, drei Momente, in denen ich mir dachte: So, jetzt rufst du mal nicht an. Die Leitungen funktionieren schließlich in beide Richtungen. Dass ich auch gern mal etwas von dir hören würde, hatte ich dir schon gesagt. Aber immer dann, wenn ich mich zurückgelehnt und einfach mal abgewartet habe, da haben wir uns wochen- oder monatelang nicht gesprochen. Bis ich wieder zum Hörer griff.

Vor 1,5 Jahren war es wieder so weit. Die letzten Telefonate waren mal wieder von mir ausgegangen und ich beschloss, abzuwarten. Ich hatte genug mit dem beschwerlichen Ende der Schwangerschaft zu tun, mit der Vorbereitung auf die Geburt, den Umbauten in der Wohnung. Außerdem war unser letztes Treffen nicht so verlaufen, wie wir uns das wohl beide erhofft hatten. Mangelndes Verständnis für die unterschiedliche Lebenssituation des jeweils anderen – wenn man es darauf runterbrechen will. Ich war in deinen Augen zu unempathisch für deinen Liebeskummer (obwohl ich deshalb noch hochschwanger durch ganz Deutschland gereist bin), du für meine gesundheitliche und hormonelle Ausnahmesituation. Vielleicht hat es dazu beigetragen, dass wir uns danach erstmal nicht mehr gesprochen haben. Vielleicht wäre es auch nicht so dramatisch, wenn in der Zwischenzeit nicht mein Sohn geboren wäre. Und sich damit alles in meinem Leben verändert hat.

Dass er nun der wichtigste Mensch in meinem Leben ist. Ich jeden Tag, jede Nacht, 24 Stunden mit ihm verbringe. Ihn bei seinen Koliken im Fliegergriff geschaukelt und zum Schlafen jeden Tag im Kinderwagen spazieren gefahren habe. Der mit seinem kleinen Finger auf Sachen zeigt und aufgeregt „Daaa!“ sagt – das einzige Wort neben Mama und Papa bisher. Der zu Musik tanzt, indem er sich im Kreis dreht, und der nie gefremdelt hat. Das alles weißt du nicht, weil du ihn nicht kennst. Du hast ihn noch nie getroffen, obwohl er jetzt fast 1,5 Jahre alt ist. Du fandest das normal, als ich dich 9 Monate nach der Geburt angerufen habe, für ein klärendes Gespräch. Räumtest schon ein, dass du dich möglicherweise auch nicht gemeldet hast, weil „unsere Lebenssituationen“ so unterschiedlich sind. Aber es war klar: Du hattest wieder auf einen Anruf von mir gewartet. Wie immer. „Ich kenne das schon von anderen Müttern, dass sie sich in der ersten Zeit nicht gemeldet haben“, war deine Erklärung. Und schobst damit die Verantwortung, mal wieder, von dir. Aktiv zu werden, auch mal diejenige zu sein, die sich beim anderen meldet, scheint gar keine Option für dich zu sein.

Keine Option, den Hörer in die Hand zu nehmen und eine deiner engsten Freundinnen zu fragen, wie die Geburt gelaufen ist. Wie es dem Kleinen geht. Wie sich unser Leben verändert hat und wie wir es meistern. Keine Karte zur Geburt. Monate später schicktest du verspätet etwas los, ja. Auch einige Wochen nach dem ersten Geburtstag des Kleinen kam noch ein Geschenk für ihn an. Eine nette Geste, keine Frage. Aber weißt du was? Statt Geschenk hätte ich mich über echtes Interesse gefreut. Zwischendurch mal ein „Wie geht es dem Kleinen, schick doch mal ein Bild. Wann können wir uns kennenlernen?“. Darüber, dass du dich ehrlich mit dir auseinandersetzt, warum dir das Thema so schwer fällt. Vielleicht sowas wie: „Pass auf, ich freue mich sehr für euch, aber ich kann das gerade nicht, mit meinem Liebeskummer und der Sehnsucht nach einer eigenen Familie“. So wie eine andere kinderlose Freundin mit mir ganz offen über ihre Gedanken und Sorgen gesprochen hat, als plötzlich alle um sie herum schwanger wurden. Sich auf einmal mit einem Thema konfrontiert zu sehen, was sie überforderte (Will ich überhaupt? Will ich nicht? Wenn ja, wann?). Und mit den Ängsten, wie sich die Freundschaften durch das Kind verändern würden. All das konnte ich gut nachvollziehen.

Aber solch ein Gespräch hat es zwischen uns nie gegeben. Stattdessen wie immer darauf zu warten, dass sich der andere meldet, in Kauf zu nehmen, dass der Kontakt abbricht und es dann darauf zu schieben, dass Mutti wegen dem Kind ja nicht mehr viel Zeit hat anzurufen – damit machst du es dir zu leicht. So bin ich auch nicht die erste Freundin, die wieder aus deinem Leben geht. Und mittlerweile ist es okay für mich. Ich war wütend, und ich war traurig. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass sich Freundschaften nach der Geburt des Kleinen verändern und vielleicht sogar auseinandergehen würden. Womit ich nicht gerechnet hatte, dass es unsere sein würde.

Doch jetzt ist es okay. Nicht, weil ich neben dem Kleinen keinen Platz mehr in meinem Leben für dich hätte. Sondern weil ich müde bin. Müde, fast immer diejenige zu sein, die den Kontakt zu halten versucht. Müde, zu hoffen, dass du deine Passivität irgendwann aufgibst. Müde, deinem Anspruch, was andere für dich tun sollen, gerecht zu werden. Und es ist auch deshalb okay für mich, weil du einfach zu viel verpasst hast. 1,5 Jahre – die wichtigsten und intensivsten 1,5 Jahre meines Lebens – lassen sich nicht mehr nachholen. Und so danke ich dir für die gemeinsame Zeit, die stundenlangen Gespräche und die schönen Momente auf unserem gemeinsamen Weg. Für dein Leben wünsche ich dir von Herzen nur das Beste, und dass deine eigenen Wünsche in Erfüllung gehen werden.

Mach’s gut, alte Freundin.

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