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INTERVIEW: „Durch die Augen der anderen lernt man sich am besten kennen“

Ich habe schon vor längerer Zeit bei Teresa von Start with a friend wegen eines Interviews angefragt, denn mir war klar: Menschen wie sie sind der Grund für diese neue Kategorie auf meinem Blog, und ich will unbedingt ihre Erfahrungen und Ansichten mit der Welt da draußen teilen (na ja, den 3-4 Lesern meines Blogs :P).

Dass mich die Antworten fast zeitgleich mit einer traurigen Nachricht  erreichten, war wohl Zufall: Vor fast zwei Jahren habe ich über Start with a friend Salim kennengelernt. Er flüchtete ohne seine Frau und zwei kleinen Kinder nach Deutschland und hatte sich wie ich bei SWAF aus Interesse an einer Tandem-Partnerschaft zwischen Locals und Geflüchteten gemeldet. Seitdem haben wir uns regelmäßig gesehen – er war einer der ersten, der uns nach der Geburt des Dicken besuchte, er kochte traditionell irakisches Essen für uns, ich verfasste ein Schreiben fürs Gericht, als sein Asylantrag abgelehnt wurde und die Abschiebung drohte – um nur ein paar Dinge zu nennen, die wir miteinander erlebten.

Der gemeinsame Weg war ein Auf und Ab, häufig blieb auch ich mit einem Gefühl des Frusts und der Hilflosigkeit zurück – so undurchsichtig ist die deutsche Asylpolitik, so ungerecht ist es, dass Familien jahrelang voneinander getrennt sein müssen, so zermürbend die Wartezeit, so unfassbar die Unterbesetzung an den entscheidenden Stellen in Berlin. Ich schrieb Hilfsorganisationen an, telefonierte rum, überlegte zuletzt sogar wegen einer privaten Patenschaft mit Spendengeldern, um seine Frau und Kinder endlich nachholen zu können. Das damit verbundene finanzielle Risiko war mir aber letzlich einfach zu groß, wenn man überhaupt genügend Spender zusammenbekommen hätte.

Und dann, am Donnerstag, verabschiedet sich Salim von mir – er könne nicht länger warten und habe beschlossen, Deutschland wieder zu verlassen. Fast drei Jahre lebt er nun getrennt von seiner Familie, und dass sein Warten am Ende unbelohnt bleibt und dadurch noch sinnloser erscheint, macht mich unendlich traurig.

Nichtsdestotrotz oder wohl gerade weil er so eine schwere Zeit hier hatte, hoffe ich, nein, ich weiß, dass der Dicke und ich ihm immer mal wieder ein paar unbeschwerte Stunden ermöglicht haben, einige freudige Momente neben all den trüben Gedanken und das Gefühl, nicht gänzlich allein hier zu sein. Aber auch mich hat unsere Freundschaft berührt und bereichert. Nicht nur, weil ich durch die Gespräche einen Einblick in die irakische Lebenskultur gewinnen durfte. Wie oft bin ich nach unseren Treffen mit einem Gefühl der tiefen Dankbarkeit für mein Leben, für die Zeit mit meiner Familie nach Hause gekommen. Ein Geschenk, dessen Wert man im stressigen Alltagstrubel immer wieder aus den Augen verliert. Wenn sich also durch mein Interview da draußen auch nur eine Person inspiriert fühlt und einen der vielen Flüchtlinge, die auf einen Tandempartner warten, beim Ankommen und Einleben in Deutschland ein Stück weit begleitet, hat sich mein Beitrag schon gelohnt.

Es ist mir daher ein persönliches Anliegen, Start with a friend (stellvertretend für alle großartigen Flüchtlingsprojekte mit dem Ziel, Integration zu fördern und zu erleichtern) hier vorzustellen sowie die Person, die in den letzten zwei Jahren immer wieder ein wichtiger Ansprechpartner für mich war. Und vor der ich allergrößten Respekt habe, wohlwissend, dass mit der Arbeit viele Freuden, aber auch jede Menge Frust verbunden ist.

Start with a friend

Liebe Teresa, was genau ist „Start with a friend“?

Start with a Friend e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der geflüchtete Menschen und Locals miteinander in Kontakt – in sogenannte Tandems – zusammenbringt.
SwaF wurde vor über zwei Jahren mit der Vision gegründet, Geflohene beim Ankommen in Deutschland zu unterstützen und mehr Miteinander in der Gesellschaft zu gestalten. Seitdem bringen wir in 22 Städten Menschen aus unterschiedlichen Ländern in Tandems zusammen, um so vielfältige Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen.
In vielen Orten Deutschlands sind so lebendige und vielfältige SwaF Communities gewachsen, in denen regelmäßig gemeinsam gekocht, gequatscht und gelernt wird. Gemeinsam erleben wir viele tolle Momente und finden in Freundschaften zusammen. Die Idee von Start with a Friend ist simpel und das macht sie in unseren Augen zugleich so schön: Wir treffen Menschen, lernen sie persönlich kennen und vermitteln sie im Anschluss in ein Tandem – basierend auf gemeinsamen Interessen, Lebensumständen, Erwartungen und nicht zuletzt unserem Bauchgefühl. Im Idealfall erwächst daraus eine Freundschaft. Das lässt sich natürlich nicht erzwingen, aber wir geben den ersten Impuls. Was unsere Tandems miteinander machen, entscheiden sie selbst. Das macht Engagement bei SwaF flexibel und unkompliziert. Es ist kein Vorwissen oder eine Schulung notwendig, man muss einfach nur offen aufeinander zugehen. Aber wir stehen unseren Tandems zur Seite: Als Ansprechpartner*innen bei Fragen und Herausforderungen und durch unsere vielen unterschiedlichen Community-Events.

Seit wann arbeitest du für SWAF und wie kam es dazu?

Ich arbeite seit August 2016 hauptberuflich für SwaF. Im September 2015 registrierte ich mich als Tandempartnerin und engagierte mich Anfang 2016 als ehrenamtliche Vermittlerin. Mit meinem Tandem bin ich noch immer in Kontakt und an meine Zeit als ehrenamtliche Vermittlerin denke ich sehr gerne zurück. In dieser Zeit sind viele wertvolle Kontakte entstanden. Im August 2016 wurde dann die Stelle als Berliner Standortleitung ausgeschrieben. Ich arbeitete damals freiberuflich als Online-Redakteurin bei der dpa und war schon länger auf der Suche nach einem Job, der meinen Wunsch nach einer Arbeit mit Menschen und dem Ziel, die Gesellschaft mitzugestalten, entsprach. Es war toll, auch SwaF fand, dass ich gut auf die Stelle passte. Aus meinem freiwilligen Engagement brachte ich bereits einiges an Praxis-Erfahrung mit. Ich bin sehr glücklich, wie alles kam und bin mittlerweile sogar für die bundesweite Freiwilligenorganisation zuständig.

Was hast du vorher gemacht?

Ich habe Kulturwissenschaft und Philosophie studiert, mich über die Jahre in verschiedenen sozialen Projekten engagiert und während und nach dem Studium als selbstständige Onlineredakteurin bei der dpa gearbeitet. Nebenbei hatte ich noch ein, zwei Schichten in einem kleinen Café als Barista. Ich liebe Kaffee und mit Leuten in Kontakt zu treten.

Was ist die größte Herausforderung in deinem Job?

Die größte Herausforderung ist es manchmal, den Überblick zu behalten. Oft laufen mehrere Projekte parallel und das Tagesgeschäft will auch erledigt werden. Ganz oft möchte ich mich auch in viele kleine Teile teilen und selbst als Tandempartnerin mit den Leuten, die ich in unserer Community kennenlerne, Zeit verbringen und sie auch unterstützen. Meine größte Herausforderung ist die Zeit. Gerne würde ich mehr machen. Es lässt sich so viel für geflüchtete Personen durch wenige Taten erreichen und ein bisschen Frohsinn verbreiten, einfach dadurch, dass man die Sprache spricht und sich ein bisschen auskennt und selbst hier zu Hause ist. Doch allen gleichzeitig Aufmerksamkeit schenken geht leider nicht.

Und was findest du besonders bereichernd?

Besonders bereichernd sind für mich die Menschen und alles, was ich von ihnen lerne. Über sie selbst, ihre Geschichte, ihre Kultur und Sprache. Aber vor allem auch über mich selbst, über meine Kultur, Sprache und Geschichte. Durch die Augen der anderen lernt man sich am besten kennen. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber doch immer wieder beeindruckend, dass Menschen andere Menschen brauchen, um sich selbst, ihren Wünschen und Eigenarten auf die Schliche zu kommen. Wenn die andere Person dann noch eine andere, neue Perspektive mitbringt, ist das wirklich sehr bereichernd. Es gibt so viele Lebens- und Denkarten auf dieser Welt, das ist sehr inspirierend für das eigene Leben.

Was würdest du jemandem raten, der gern freiwillig mit Flüchtlingen arbeiten will, aber nicht so recht weiß, wie?

Ich würde der Person raten, sich an eine Organisation zu wenden, die in dem Bereich tätig ist und sich ein Projekt herauszusuchen, das sie interessiert und längerfristig zu ihrem Leben passt. Besonders schön ist es natürlich, wenn die Person plant, sich über einen längeren Zeitraum zu engagieren. Denn das ist es, was es besonders braucht: stabile Bindungen und nachhaltiges Engagement, aus dem man lernt, das man an die Bedarfe anpassen kann und wirklich etwas verändert. Hat die interessierte Person weniger Zeit, gibt es auch Kurzzeit-Engagements, wo sich Gutes tun lässt. Bei Go Volunteer (eine Plattform für ehrenamtliches Engagement) etwa sind zahlreiche tolle Projekte gelistet und man findet auf jeden Fall etwas, was zu einem und der aktuellen Lebenssituation passt.

 

Mehr Infos zu Start with a friend findest du hier.

Zu Go Volunteer geht’s hier lang.

 

 

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